Wie politische Entscheidungsträger im Baltikum auf hybride Bedrohungen reagieren:
Der Fall Vilnius
Hybride Bedrohungen sind in Europa längst kein abstraktes geopolitisches Konzept mehr. Die baltische Region – als die geografisch nächste zu Russland – weiß das am besten. Finnland und Helsinki waren lange Beispiele für Resilienz und Vorbereitung; Litauen, Lettland und Estland holen jedoch schnell auf.
Nirgendwo ist dies deutlicher sichtbar als in Vilnius, einer Stadt, die das letzte Jahrzehnt damit verbracht hat, ihre Resilienz systematisch über physische, soziale und digitale Bereiche hinweg zu stärken. Ich war bis vor zwei Jahren Bürgermeister dieser Stadt und habe intensiv in diesem Bereich gearbeitet. Nichtsdestotrotz bin ich weiterhin Bürger dieser Stadt, wesshalb es mich außerordentlich freut zu sehen, wie Resilienzmaßnahmen nach vielen Weckrufen zugenommen haben. Zudem bin ich aber auch europäischer Bürger und besorgt darüber, dass viele Städte noch immer in dem Denken verhaftet sind, dass Umwelt-, technische, digitale und sogar militärische Bedrohungen, die Probleme anderer seien – irgendwo anders – jedoch nicht im eigenen Umfeld.
Eine Bevölkerung, die Vorbereitung einfordert
Öffentlicher Druck spielt eine zentrale Rolle. Die Nähe Litauens zu einem unberechenbaren Nachbarn hat die Bürger stark dafür sensibilisiert, dass Sicherheit nicht allein Aufgabe des Staates ist; sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dieses Bewusstsein hat politische Entscheidungsträger dazu gebracht, in Zivilschutz, öffentliche Kommunikation und Vorbereitungstrainings in einem Ausmaß zu investieren, wie man es kaum in der EU findet.
Einer der deutlichsten Indikatoren ist die Popularität von „LT72“ – welche die meistgeladene App in Litauen im vergangenen Jahr war. Ihr einfacher Zweck besteht darin, die Bewohner durch die ersten 72 Stunden jeder Krise zu führen - von Naturkatastrophen über Cybervorfälle bis hin zu militärischen Intrusionen. Sie sagt den Menschen genau, wann sie Schutz suchen müssen, wann sie evakuieren und wann und wie sie Widerstand leisten sollen. Sie bietet zudem klare Empfehlungen für sehr unterschiedliche Szenarien, darunter Großbrände, technische Störungen, Cyberangriffe oder militärische Aktionen, und gibt einfache, unmittelbare Handlungsanweisungen für jeden Fall.
Es gibt sogar Wettbewerb in diesem Bereich: Vilnius hat die App „Kovas“ entwickelt, die noch mehr Funktionen zur Information und Vorbereitung der Bewohner enthält. Gleichzeitig findet man weiterhin traditionelle gedruckte Anleitungen für das Verhalten im Notfall – oft jedoch nur beim Betreten eines Verwaltungsgebäudes, was wiederum zeigt, wie sehr digitale Werkzeuge zum primären Zugang für echte öffentliche Krisenvorbereitung geworden sind.
Wie relevant diese Apps inzwischen sind, zeigte sich deutlich in diesem Sommer nach einem Vorfall nahe Vilnius, als in einem Vorort-Güterbahnhof ein Zug mit mehreren Kesselwagen explodierte. Es gab eine enorme Explosion, große öffentliche Unruhe und Spekulationen über einen möglichen terroristischen Akt. Was in diesem Moment jedoch entscheidend war, ist der Umstand, dass Bewohner, die Echtzeitinformationen und Handlungsempfehlungen suchten, diese am zuverlässigsten über die App erhielten. Die Downloadzahlen stiegen unmittelbar nach dem Vorfall deutlich.
Krisenlogistik und physische Vorbereitung
Auf physischer Ebene hat sich Vilnius auf die Bereitschaft für Ereignisse im großen Maßstab konzentriert: Evakuierungspläne, temporäre Unterbringungsmöglichkeiten und schnelle Informationskanäle. Doch die Stadt investiert auch in psychologische Dimensionen – sie vermittelt den Bewohnern das Bewusstsein, dass unerwartete Ereignisse eintreten können und dass eine grundsätzliche persönlicher Vorbereitung unerlässlich ist. Die Botschaft ist einfach: Die Behörden werden reagieren, aber Individuen und private Unternehmen müssen gleichermaßen bereit sein zu handeln.
Gleichzeitig stehen politische Entscheidungsträger vor einem Paradox. Wenn Bürger und Unternehmen immer wieder Warnungen über großflächige Bedrohungen aus Russland hören, reagieren viele, indem sie mehr vom Staat verlangen – mehr und bessere Schutzräume, klarere Evakuierungsplanung, mehr Garantien – während die grundlegende persönliche Vorbereitung vernachlässigt wird. Dies äußert sich zudem häufig in der Erwartung, dass der Staat alles bereitstellen müsse („Wo sind unsere Schutzräume? Wie wird evakuiert? Wie ist die Luftverteidigung gewährleistet?“), während persönliche Verantwortlichkeiten – Verhalten bei einem Brand, Erste Hilfe oder die Fähigkeit, 24 bis 72 Stunden autark zu bleiben – weitestgehend ignoriert werden. Entscheidungsträger müssen diese Lücke zwischen Erwartungen und Verantwortung erkennen und schließen.
Konkret hat Vilnius einen vollständigen Evakuierungsplan mit mehreren unterschiedlichen Szenarien ausgearbeitet und durch reale Übungen getestet. Übungen wurden ebenso an mobilen Evakuierungspunkten durchgeführt, die mit allen notwendigen Materialien, wie Zelten und Schlafsäcken für eine Evakuierung ausgestattet sind. Noch wichtiger als die Ausstattung erwies sich das Training selbst: Vor den Übungen wussten viele Teilnehmer nicht, wer zuständig war, wer die Schlüssel hatte, welches Protokoll galt oder dass verantwortliches Personal vor Ort seine eigenen Helfer finden musste. So war beispielsweise bei einer Notfallübung eine Kindergartenmitarbeiterin auf Nachbarn, Eltern und Passanten angewiesen, um ein Registrierungs- oder Wartezelt aufzubauen.
Wieder zeigt sich – wahrscheinlich anders als in Westeuropa – dass Mittel- und Osteuropäer möglicherweise zu stark auf Evakuierung fokussiert sind, obwohl echte Krisen weit vielfältigere Reaktionen erfordern. Und Evakuierung sollte nicht mit „um das Leben rennen“ assoziiert werden; sie erfordert auch nicht – entgegen der verbreiteten Vorstellung – breite Autobahnen in sicherere Richtungen, sondern strukturierte Abläufe und Zuständigkeiten.
Aufrechterhaltung essenzieller kommunaler Dienstleistungen
Alle wissen, dass eine Stadt – unabhängig von den jeweiligen Bedrohungen – die Kontinuität ihrer wichtigsten Dienstleistungen gewährleisten muss. Während einer Krise ist es möglicherweise nicht notwendig, Falschparker auf Grünflächen zu verwarnen – etwas sehr Wichtiges in Friedenszeiten. Aber es ist entscheidend sicherzustellen, dass Straßen befahrbar bleiben, Brände gelöscht werden, Strom und Heizung Haushalte erreichen, Abfall abgeholt wird, Wasserversorgungssysteme voll funktionieren und der öffentliche Nahverkehr betriebsfähig bleibt.
Doch diese Kontinuität entsteht in einer Krise nicht automatisch. Sie erfordert psychologische Bereitschaft, wiederholtes Training zur Stärkung des gesellschaftlichen Resilienzgedächtnisses und strategische Planung auf Basis gut entwickelter Kontinuitätsstrategien. Ein klares Beispiel liefert das städtische Heizungsunternehmen „Gijos“, das erst kürzlich einen vollständigen Kontinuitätsplan erstellt und verabschiedet hat. Dies ist entscheidend, da die Wärmeversorgung eines der lebenswichtigsten Elemente zum Überleben im Winter in einer nördlichen Stadt wie Vilnius ist.
Ein beschädigtes und langsam wieder aufgebautes Schutzraumsystem
Bevor man überhaupt über Unterschiede bei der Schutzraumkennzeichnung zwischen verschiedenen Ländern spricht, muss man anerkennen, dass Litauen – wie Deutschland – über ein erodiertes und weitgehend verschwundenes Netz an Bombenschutzräumen verfügt. In Europa haben nur zwei Staaten – die Schweiz und Finnland – im Rahmen ihres „Total Defence Approach“ einen ernsthaften Ansatz zum Erhalt und Bau ziviler Schutzräume. In Litauen und in Vilnius gibt es nun den Versuch, aufzuholen. Dieses Jahr wurde eine neue Bauvorschrift verabschiedet, die definiert, wie und wo Schutzräume oder Schutzbereiche gebaut werden müssen.
Die Arbeit beginnt mit den einfachsten Schritten: dem Bau von Schutzräumen und Schutzbereichen in Neubauten, sowie dem Entrümpeln von Kellern in älteren Gebäuden, welche über Jahrzehnte als Lagerflächen genutzt wurden. Dies betrifft Wohnblöcke, Schulen, Krankenhäuser und viele andere Einrichtungen. Es gibt zudem Diskussionen darüber, wie Bauvorschriften für ältere Gebäude angepasst werden könnten, um klare Leitlinien zu bieten, wie höherwertige Schutzräume an Orten geschaffen werden können, an denen solche Infrastruktur nie existierte.
Cybersicherheit als vorderste Linie
Cyberbedrohungen ist der Bereich, welcher in der hybriden Kriegsführung die meiste Aufmerksamkeit geschenkt bekommt. Litauen ist seit Jahren Ziel anhaltender Cyberangriffe und Vilnius behandelt Cybersercurity ebenso ernst wie physische Sicherheit. Datenbanken werden auf Backup-Servern gespiegelt; Reaktionsprotokolle gehen von Worst-Case-Szenarien aus, und menschliches Fehlverhalten in Verbindung mit Social-Engineering Angriffen wird als Hauptverwundbarkeit anerkannt.
Ein bemerkenswertes Beispiel stammt aus städtischen Trainingseinheiten. Dabei imitierten „Angreifer“ (Übungsorganisatoren) unter anderem mit Deepfake-Audio-Software die Stimme des Leiters der Statdverwaltung und schickten gefälschte Nachrichten an Finanzverantwortliche in kommunalen Einrichtungen, in denen sie diese zu dringenden Geldüberweisungen aufforderten. Ziel war nicht der Diebstahl von Mitteln oder die Schuldzuweisung – es ging darum, Resilienz zu testen und zu stärken. Das Ergebnis war ernüchternd: Viele Mitarbeiter, insbesondere jene, die sich an diesem Tag im Home-Office befanden, befolgten die Sicherheitsprotokolle nicht. Doch die Übung hatte eine starke Wirkung. Der Fakt wie leicht man getäuscht werden konnte, verbreitete sich schnell und schärfte das Bewusstsein wirksamer als jede Vorlesung.
Training als Rückgrat der Resilienz
Die wesentliche politische Lehre lautet, dass der Großteil der Resilienz nicht aus ausgefeilter Technologie entsteht, sondern aus Wissen und Training. Wenn ein Bürger weiß, was im Falle eines Brandes zu tun ist, weiß er mit höherer Wahrscheinlichkeit auch, was in komplexeren Notlagen zu tun ist. Deshalb hat Vilnius praktisches, szenariobasiertes Training zum Kernelement seiner Resilienzstrategie gemacht. Hybride Bedrohungen entwickeln sich weiter, aber menschliche Reaktionen bleiben erstaunlich konstant. Viele kritische Fähigkeiten sind recht einfach – vorausgesetzt, die Menschen lernen sie im Voraus.
Die Herausforderung fragmentierter europäischer Praxis
Trotz der Fortschritte in Vilnius leidet die Vorbereitung auf hybride Bedrohungen unter mangelnder internationaler und sogar interkommunaler Koordination. Etwas so Grundlegendes wie Schutzraumsymbole unterscheidet sich zwischen Litauen, Lettland und Estland – was im Ernstfall zu Verwirrung führen könnte. Wer durch die baltischen Staaten reist, sieht völlig unterschiedliche Kennzeichnungen für Schutzräume und Schutzstrukturen – ein offensichtliches Problem, wenn im Krisenfall transnationale Bewegungen erforderlich werden. Städte teilen zu selten ihre bewährten Praktiken, obwohl traditionelle Zivilschutzmethoden dadurch an moderne hybride Bedrohungen angepasst werden könnten.
Eine breitere Realität als geografische Entfernung
Es mag zwar scheinen, dass Vilnius – wie Riga oder Tallinn – geografisch näher an möglichen Konflikten liegt als Städte in Deutschland oder Westeuropa. Doch die Realität ist komplexer. Nachrichtendienstliche oder Sabotageoperationen feindlicher Staaten, Naturkatastrophen, technische Unfälle oder sogar direkter militärischer Konflikt würden alle europäischen Städte in weitgehend ähnlicher Weise betreffen. Dabei ist nicht zu ignorieren, dass dir russische Propaganda weiterhin Parolen wie „nach Berlin“ auf ihre Panzer schreibt, während Vilnius, Riga oder Tallinn seltener erwähnt werden.
Fazit: Resilienz als Verhaltensmuster
Vilnius zeigt ein Modell, das für Europa zunehmend relevant wird: Vorbereitung auf hybride Bedrohungen ist nicht nur eine Frage von Technologie oder militärischen Maßnahmen. Sie betrifft Verhalten, Training, Psychologie und Kommunikation. Hybride Bedrohungen nutzen menschliche Schwächen aus; die politische Entscheidungsfindung muss daher auch menschliche Resilienz stärken.
Die baltische Erfahrung zeigt, dass Vorbereitung nur funktioniert, wenn Institutionen und Bürger Verantwortung teilen. Apps wie „LT72“, Aufklärung in den Bereichen Deepfakes und andere Formen des Trainings, Cyberhygieneprotokolle und klare Kommunikation sind keine „Extras“ – sie sind die neuen Grundabwehrmechanismen für demokratische Gesellschaften, die unter hybridem Druck leben.
Die Lehre für Europa ist eindeutig: Hybride Bedrohungen entwickeln sich schnell, aber Resilienz kann sich ebenfalls entwickeln – wenn ihr die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird.